Wie ist die Konzentration in der Pubertät?

In der Pubertät entwickelt sich der Denkapparat unserer Kinder enorm. Dadurch wird auch die Konzentrationsfähigkeit gesteigert. Jedoch bemerkt man häufig, dass auch das in der Pubertät die Konzentration aus leiden kann. Das hat dann oft mit einer Begleiterscheinung der Pubertät zu tun. Warum das passiert und wie Sie darauf reagieren können erfahren Sie in diesem Artikel.

Entwicklungsschritte in der Pubertät

In der Pubertät passiert sehr viel im Körper unserer Jugendlichen. Das fängt bei den körperlichen Veränderung an und endet bei der psychischen Entwicklung der Pubertierenden. Im Detail möchte ich hier auf die kognitive Entwicklung im Jugendalter eingehen und die Pubertät ist hier die zentrale Phase. Diese Erklärung soll Ihnen helfen die teils heftigen Launen unserer jugendlichen Mitbewohner besser verstehen zu können und sich wieder ein Stück weit in sie reinversetzen zu können.

Die Pubertät ist voller toller Entwicklungssprünge. Im speziellen schreitet die geistige Entwicklung rasant voran. Diese Sprünge ermöglichen erhebliche kognitve Leistungssteigerungen:

Verbesserung der Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit kann leichter auf relevante Informationen konzentriert werden. Zusätzlich können die Jugendlichen ihre Aufmerksamkeit besser an wechselnde Anforderungen anpassen. Allerdings nur auf Informationen die für unsere Kinder selbst als relevant erscheinen und nicht unbedingt uns Eltern.

Erhöhte Kontrolle über unpassende Reaktionen

Die sogenannte kognitive Hemmung wird verbessert. Das bedeutet, dass es die Jugendlichen besser schaffen unnötige oder unpassende Reize zu unterdrücken. Auch erlernte Reaktionen können dadurch in unpassenden Situationen, besser vermieden werden. Dies führt zu deutlichen Fortschritten bei der Aufmerksamkeit und auch das logische Denken profitiert davon.

Effektivere Denkstrategien

Die Denkstrategien werden effektiver. Dadurch wird die Speicherung, die Repräsentation und der Abruf von Informationen verbessert. Je mehr das Wissen wächst, umso leichter fällt auch der Einsatz dieser Denkstrategien.

Entwickeln Wissen über das Denken

Auch das Wissen über das Denken selbst entwickelt sich im Jugendalter weiter (das nennt sich Metakognition). Dadurch fällt es nun Jugendlichen leichter zu lernen und neue Lernstrategien zu entwickeln. Auch das Problemlösen profitiert davon.

Verbesserte Selbstregulation

Die kognitive Selbstregulation verbessert sich ebenfalls sehr deutlich. Das wiederum heißt, ab nun fällt es ihnen immer leichter Selbstkontrolle auszuüben, zu beurteilen und zu überdenken. Bitte verwechseln Sie diese Fähigkeit nicht mit der vorhin erwähnten kognitiven Hemmung. Bei der kognitiven Hemmung werden Impulse unterdrückt und bei der Selbstregulation werden Dinge aktiv und kontinuierlich überdacht.

Erhöhte Denkgeschwindigkeit

Die Denkgeschwindigkeit selbst und auch die Verarbeitungskapazität steigen. So können mehr Informationen gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis abgespeichert werden. Damit können diese immer weiter zu effizienteren Denk- und Handelsmustern weiterverarbeitet werden.

Es passiert andauernd, dass Denkprozesse nicht abgeschlossen sind bevor die nächsten beginnen. Auch dadurch können Konzntrationsstörung ausgelöst werden. Gedanklich sind Jugendlichen nämlich noch oft im vorangegangenen Themen verhaftet.

Pubertät und Konzentration

Warum sind Kinder in der Pubertät so schwierig?

Aber die Entwicklungen bleiben nicht ohne Folgen. Diese neu gewonnenen abstrakte Denkfähigkeiten müssen erst geübt werden und sind nocht nicht voll und ganz zuverlässlich. Wie wir das auch bei den körperlichen Veränderungen meist gut beobachten können, ist das eben auch bei den kognitiven Fähigkeiten ähnlich. Zuerst sind sie etwas unbeholfen mit den neuen Möglichkeiten, aber mit etwas Zeit und Übung funktioniert es immer besser.

Für uns Erwachsene wirkt gerade diese Übungs- bzw. Lernphase komisch. Oft haben wir auch das nervige Verhalten der Pubertierenden im Kopf, wenn wir an diese Entwicklungssprünge denken. Weniger denken wir an die Entwicklungssprünge. Diese sind allerdings sehr wichtig und langfristig nützlich für die weitere Entwicklung und bereitet unsere Pubertierende auf das junge Erwachsenenalter vor.

Die Folgen der pubertären Entwicklungsschritte

Unsere Kinder sind gelinde gesagt mit den Veränderungen überfordert. Natürlich bieten die neu entwickelten Fähigkeiten eine enorme Möglichkeit zur Verbesserung der eigenen Situation, jedoch wirken diese Änderungen anders auf das Umfeld. Die folgenden Punkte sollen das Verhalten erklären.

Pubertierende sind voreingenommen und selbstbezogen

Die neue Fähigkeit sich selbst zu refelktieren, gemeinsam mit den ganzen neuen körperlichen Veränderung, bringt die Pubertierenden dazu sich viel mehr mit sich selbst zu beschäftigen und über sich selbst nachzudenken. Dies bewirkt auch eine Art "Egozentrismus” und führt dadurch erst recht wieder zu Problemen bei der Wahrnehmung.

Von Piaget wird angenommen, dass Jugendliche Probleme haben die eigene Perspektive von der Anderer zu unterscheiden. Das würde auch erklären, dass sie erst lernen müssen sich in diesem Bereich voll und ganz von anderen abzugrenzen. Ihr Fokus ist oft noch sehr stark auf ihre Freunde und deren Umfeld ausgerichtet. 

Laut Piagets Theorie gibt es zwei Voreingenommenheiten, diese beeinflussen auch die Beziehung zwischen dem Selbst und dem ”imaginären Publikum” negativ. Jugendliche nehmen tatsächlich an, sie seien der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das heißt das es für sie selbstverständlich ist, dass sie der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, Gedanken und Sorgen anderer Menschen sind. Und das nicht nur bei bestimmten Gruppen wie den Eltern oder den Freunden. Das gilt für alle anderen Personen und Gruppen.

Dies kann das penible Achten auf äußere Erscheinungen erklären: Auch öffentliche Kritik an unseren jugendlichen Kindern kann in dieser Phase schwerwiegende Auswirkungen auf die Beziehung zu ihnen haben. Wenn möglich versuchen Sie es diese peinlichen Situationen zu vermeiden. Natürlich nur soweit es in Ihrem Einflissbereich liegt. Ich weiß schon, dass es sich oft unseren Wissen entzieht was nicht alles peinlich für unsere Lieblinge sein kann.

Diese extrem starke Beschäftigung mit sich selbst und diese Zentrierung nimmt sehr viel Ressourcen in der Aufmerksamkeit von Jugendlichen in Anspruch. Ein Pickel, ein falsches Kleidungsstück oder eine peinliche Aussage von Lehrer oder Mitschüler kann viel an Denkkapazität belegen.

Der Pubertierende ist legendär!

Die zweite Voreingenommenheit, nennt sich persönliche Legende. Ausgelöst wird diese durch die eingebildete Gewissheit, dass sie der Mittelpunkt allen Denkens sind. Dadurch entwickeln Jugendliche auch eine übersteigerte Vorstellung ihrer eigenen Wichtigkeit. Sie glauben besonders und einzigartig zu sein. Natürlich sind sie das für die Eltern, aber im Normalfall ist das außerhalb der Familie nicht die Regel.

Dadurch lassen sich auch die steilen Höhen und Tiefen der Gefühle erklären. Teenager sind sehr stark von sich selbst überzeugt, meinen alles besser zu machen und zu können. Dementsprechend werden sie auch oft enttäuscht wenn etwas nicht ihren übersteigerten Vorstellungen entspricht. Sie glauben auch, wie vermutlich uns allen bekannt ist, dass sie so genial sind, dass keiner sie verstehen kann. Schon gar nicht wir Eltern. Sie klagen regelrecht das Gewöhnliche an. 

Heute weiß man, dass diese Verzerrungen ein Fortschritt in der Perspektivübernahme sind. Dieses Verhalten hat auch eine gewisse Selbstschutzfunktion. Denn trotz der starken Konzentration auf sich selbst können so Beziehungen aufrecht erhalten werden.

Es ist gut wenn Sie in passenden Situationen und wenn es Ihnen möglich ist die Einzigartigkeiten Ihres Kindes hervorheben. Versuchen Sie in diesen Momenten auch Ihre eigene Perspektive einzubauen. ”Ich hatte mit 16 das gleiche Problem”. ”Ich war in deinem Alter auch ein riesen Fan von…”.

idealisieren

Idealisieren und kritisieren hoch zehn

Ja, das können unsere lieben Teenager gut. Das haben wir der frisch erworbenen Fähigkeit des Nachdenkens über Möglichkeiten zu verdanken. Eine ganz neue Welt tut sich für sie auf: Die neue Welt des Ideals. Sie erfahren immer mehr über alternative Lebenswege, sei es politisch, familiär, moralisch, etc. Sie können sich nun ein besseres Bild darüber machen. Und natürlich wollen sie diese neu entdeckten Wege auch erkunden.

Wer sich mit pubertierenden Jugendlichen unterhält findet sich schnell mal in einem von ihm/ihr konstruierten Idealbild der Dinge oder gar der Welt wieder. Denken wir an Bands oder Musiker die idealisiert werden bis zum Umfallen. Oder auch an ideale Weltbilder ohne Ungerechtigkeiten. Tja, eben genau diese schöne Welt, die uns Erwachsenen ein Lächeln auf die Lippen zaubert, führt eben zum genauen Gegenteil.

Denn unser Realismus, der einen noch viel größeren Informationsumfang als der Idealismus unserer Teenager hat führt fast unausweichlich zum Streit. Gerade auch die eigene Familie ist von diesem idealisieren in Kombination mit heftiger Kritik seitens der Jugendlichen nicht gefeit.

Ja, es mag mühsam sein, allerdings ist es unschätzbar wichtig für die Entwicklung zu rational denkeden Erwachsenen. Sie lernen so nämlich Stärken und Schwächen zu erkennen. Das ist wichtig um positive langfristige Beziehungen zu führen. Aber Sie können so später auch konstruktive Mitglieder unserer Gesellschaft werden.

Hier hilft es nur die Sache leicht zu nehmen. Das geht mit dem Wissen, dass es für unsere Kinder wichtig ist diesen Entwicklungsschritt durchzumachen, ein bisschen einfacher. Darum sollten Sie versuchen in diesen Situationen geduldig zu bleiben. Halten Sie sich die positiven Folgen vor Augen. Und heben Sie die positiven Eigenschaften der Kritik vielleicht sogar noch extra hervor. So erreichen Sie viel eher kooperatives Verhalten und womöglich auch ein bisschen Einsicht Ihres Pubertierenden. Versuchen Sie Vor- und Nachteile des Kritisierten darzustellen, so ist es Ihren Kindern möglich zu sehen, dass alle Gesellschaften und Menschen (mindestens) zwei Medaillienseiten haben.

Entscheidungsfindung? Nein danke.

Bei all den unzähligen Fortschritten mag es überraschen, dass alltägliche Entscheidungen ungleich schwieriger für Teenager sind. Sie treffen sie oft nicht rational.

Sie bewerten die Vor- und Nateile nicht, schätzen keine Wahrscheinlichkeiten ab oder vernachlässigen diese. Da denken Sie eher an kurzfristige Ziele und nicht unbedingt ans große, gewünschte Ziel. Oft lernen sie auch nicht aus Fehlern.

Das Problem ist, dass sie noch zu unerfahren sind. Es fehlen ihnen viele wichtige Informationen um alle Folgen abschätzen zu können.

Mehr zu Riskoverhalten und Entscheidungen können sie unter diesen Link nachlesen. 

Auch fällt ihnen die Wahl des Ziels selbst schon schwer. In vielen Situationen gibt es nämlich konträre Ziele. Einerseits möchten sie bei ihren Freunden beliebt bleiben und Teil der Gruppe sein, andereseits müssen Sie aber in gewissen Situationen Dinge unterlassen, die dafür notwenig wären. Zum Beispiel, eine Zigarette rauchen oder Rum trinken. Jugendliche entscheiden sich in solchen Situationen einfach oft für das unmittelbare Ziel. Auch wenn sie es eigentlich ”besser wüssten”.

Oft sind Teenager einfach schlicht überfordert mit der Auswahl an zu vielen Angeboten. Kurz gesagt, manchmal verlangen wir einfach zu viel von ihnen. Hier ist es wichtig, unsere Kinder dabei zu unterstützen die passende Entscheidung für Sie zu treffen. Wir können ihnen mit guten Beispiel voran gehen und ihnen helfen Folgen besser einschätzen zu können. Allerdings sollten wir vermeiden ihnen die Entscheidungen abzunehemn. So kann nämlich kein (Lern-)Erfolg eintreten.

Fazit

Die Pubertät ist ein großer Schritt in Richtung erwachsenwerden. Durch die neuen Denkprozesse und Möglichkeiten ist das für die Teenager und deren Umfeld eine prekäre Situation. Wenn wir Eltern jedoch die Hintergründe kennen warum sich der Teen so seltsam verhält können wir auch richtig darauf reagieren. Auch wenn der Gedanke aufkommt: ”Bitte stell dich nicht so dumm an!”, sollte er im Normalfall und in der Öffentlichkeit unterdrückt werden. So können unsere zukünftigen jungen Erwachsenen gestärkt aus der Pubertät kommen.

Um zurück auf die Konzentration zu kommen: die Information muss interessant/wichtig sein oder zumindest interessant dargeboten werden um die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch ausreichend Zeit und deutliche Trennung der Aufgaben kann helfen.

Viel der Aufmerksamkeitskapazität wird allerdings von den Wahrnehmungsverzerrungen der Pubertät belegt. Rückzugsmöglichkeiten und ruhige Orte sind gerade für Jugendliche sehr wichtig und helfen konzentrierter zu arbeiten.

Wie schon erwähnt, bedarf es gerade bei Alltagsentscheidungen noch elterliche Unterstützung. Auch im schulischen Umfeld und beim Lernen sollte das natürlich Beachtung finden.

Und eins noch am Schluss: Jugendliche brauchen noch genauso viel Schlaf wie Kinder. Also 9-10 Stunden. Und für die Konzentrationsfähigkeit ist ausreichend Schlaf natürlich essentiell.

Ihr psychologischer Ratgeber in Familien- und Beziehungssachen.
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