Warum lügen Kinder?

Lügen ist menschlich. Angeblich lügen wir im Schnitt 200 Mal am Tag. Das ist jedoch eine veraltete Volksweisheit. Studien sind sich nicht ganz einig, aber sie gehen davon aus, dass wir 2 bis 25 Mal am Tag die Unwahrheit sagen. Aber, warum lügen wir überhaupt? Es gibt verschiedene Gründe, warum wir die Unwahrheit sagen.

Wir Menschen lügen:

  • Um uns selbst zu schützen
    Lügen hilft uns dabei, den eignen Selbstwert hochzuhalten. Wir können durch Lügen unsere Niederlagen als Erfolge ummünzen und müssen uns so keiner Selbstkritik aussetzen.
  • Als Notlüge
    Wir verwenden Notlügen, um negative Folgen von uns oder auch anderen abzuwenden.
  • Als Höflichkeit
    Manchmal lügen wir schlicht, weil wir meinen, dass die Wahrheit unser Gegenüber kränken würde.
  • Durch Gruppendruck
    Dem Konformitätsdruck sind wir in Gruppen ausgesetzt. Wir sollen den anderen der Gruppe nicht widersprechen oder auch Gemeinsamkeiten hervorheben, also lügen wir, wenn wir ansonsten keine Gemeinsamkeit vorweisen können, um den anderen zu gefallen und Anerkennung zu bekommen.

Wie entwickelt sich Lügen?

Lügen hängt mit unserer Moralvorstellung zusammen. Moral ist uns nicht angeboren, sondern sie entwickelt sich in der Kindheit und geht bis ins Erwachsenenalter hinein. Und wie bei allen Fähigkeiten und Einstellungen sind auch hier wir Eltern ein wichtiger Einflussfaktor der Entwicklung der Moral.

Wir versuchen, unseren Kindern den Umgang mit Lügen zu lernen. Meist lernen wir ihnen, dass Lügen schlecht sei. Das wird in allen großen Religionen so verkündet und entspricht auch den gesellschaftlichen Werten. Als Vorbild zeigen wir unseren Kindern dann aber eine ganz andere Situation. Eine kleine Lüge hier, eine kleine Höflichkeitslüge da. Unsere Kinder ertappen uns natürlich immer wieder bei kleinen Unwahrheiten. Hier widersprechen wir uns also als Eltern selbst.

Es kann auch sein, dass wir unsere Kinder nicht vollständig aufklären. Wir lassen bei Erklärungen heikler Themen, wie Lügen, manches Mal wichtige Informationen weg. Zum Beispiel, dass es manchmal durchaus sinnvoll ist zu lügen, wie etwa bei der Höflichkeitslüge.

Papa: "Schatz, bin ich alt?"

Mama: "Natürlich nicht!"

Kind: "Doch, du bist alt und *** bist du auch!"

Es kommt natürlich gerade bei unseren Kindern vor, dass wir lügen, um unsere Kinder zu schützen. Das betrifft vor allem Lügen über unser momentanes Befinden. Wir sagen, überspitzt gesagt, wie toll alles ist und sehen dennoch niedergeschlagen aus. Kinder bekommen sowas natürlich mit. Sie verstehen vielleicht die Zusammenhänge noch nicht in vollen Umfang, merken aber dennoch, dass etwas nicht stimmt.

Auch umgekehrt halten wir unsere Kinder manchmal dazu an, nicht das zu sagen, was sie gerade denken oder fühlen. Sei es, um andere zu schonen oder, weil wir es gerade unpassend finden. Zum Beispiel, dass unser Kind gerade Angst vor etwas hat. Es kann zwar sein, dass es unpassend ist, aber "Du brauchst keine Angst haben" hilft unserem Kind dabei nur bedingt, wenn überhaupt. Vielmehr hält es unser Kind an, nicht zu sagen, was wirklich in ihm / ihr vorgeht. Besonders natürlich, wenn wir auch noch tadeln oder schimpfen.

Wenn wir unsere Kinder beim Lügen erwischen, tadeln wir sie oder erklären ihnen, dass das nicht in Ordnung ist. Viel seltener sprechen wir die Auswirkungen und Folgen an. Gleich dazu mehr.

Warum lügen Teenager?

Teenager und Jugendliche sind ja immer eine gewisse Herausforderung für uns Eltern. Lügen ist ein häufiges Problem im Jugendalter, weil Teenager durch eine Entwicklungsphase gehen, in der Jugendliche tatsächlich meinen, alles besser zu wissen, als wir Eltern.

Sie fühlen sich übermächtig und gleichzeitig eingeschränkt von uns. Es ist ein Ablösungsprozess, den sie durchmachen müssen und ein Prozess, der ihnen hilft sich selbst (bald) als erwachsene Person zu identifizieren. Das beginnt manchmal schon mit 10 bis 12 Jahren, manchmal natürlich auch später.

Was tun, wenn mein Kind lügt?

In der Studie von Lee, K. 2014 zeigt sich, dass es sich mittelfristig sehr positiv auf das Lügenverhalten von Kindern auswirkt, wenn wir ihnen erklären, welche Auswirkungen Lügen auf einen selbst und vor allem auf den anderen hat. Wenn wir also versuchen, ihre Empathie, ihr Einfühlungsvermögen, zu aktivieren und ihnen so deutlich machen, dass Lügen mit einem selbst und auch mit dem anderen etwas macht, hat das den größten Effekt.

Das Predigen von negativen Folgen und Strafen für den Lügner selbst hingegen, zeigt eher weniger Wirkung und wenn, nur sehr kurzfristig.

Wir können unseren Kindern auch ruhig erklären, wann es "akzeptabel" ist, die Unwahrheit zu sagen. Nämlich immer dann, wenn wir andere damit schonen wollen. Hingegen ist es verwerflich zu lügen, um sich selbst durch Manipulieren einen Vorteil herauszuschlagen.

Ein wesentlicher Punkt ist es auch, unseren Kindern zu erklären, was Lügen ist. Lügen geschieht nämlich mit Absicht. Hingegen kann es auch vorkommen, dass jemand einfach die Unwahrheit sagt, weil er es nicht besser weiß. In diesem Fall ist das dann keine Lüge, weil ja keine Absicht dahinter steckt. Er oder sie hat es nicht gemacht, um den anderen bewusst zu täuschen. Das Warum dahinter ist also ein wesentlicher Faktor. Und genau das ist auch für unsere Kinder wichtig zu wissen und zu lernen.

Was Sie tun können, wenn Ihr Kind oder Ihr Teenager lügt?

Hier nun einige konkrete Tipps, wenn Sie Ihr Kind und Ihren Teenager beim Lügen erwischen:

Das können Sie tun:

  1. Sprechen Sie die Lüge sachlich an.

  2. Versuchen Sie, Ihrem Teenager keine Vorwürfe zu machen.

  3. Legen Sie Ihre Sichtweise der Dinge da.

  4. Fordern Sie keine Rechtfertigung ein.

  5. Sagen Sie, warum diese Lüge im konkreten Fall ein Problem für Sie ist.

  6. Zeigen und erklären Sie Ihre Gefühle dazu.

  7. Bieten Sie einen Vorschlag oder eine Lösung an.

  8. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie es nicht bestrafen oder schimpfen.

  9. Fragen Sie, nach der Meinung und Lösungsvorschläge Ihres Kindes.

  10. Finden Sie ein Angebot / eine Lösung, das / die für beide Seiten passt.

  11. Lassen Sie Ihrem Kind und auch Ihrem Teenager soviel Freiheit wie möglich.

  12. Stellen Sie aber auch klar, wo Ihre Grenzen liegen.

  13. Versuchen Sie generell, immer eine offene Gesprächsbasis anzubieten.

  14. Nehmen Sie sich auch noch für Ihren Teenager genügt Zeit und schaffen Sie schöne Momente gemeinsam.

  15. Nehmen Sie kleine Anmerkungen zwischendurch wahr und ernst, oftmals erwähnen besonders Jugendliche nur so zwischen Tür und Angel wichtige Anliegen.

  16. Versuchen Sie immer respektvoll miteinander umzugehen.

Was Sie gegen Lügen noch tun können, wenn Ihr Kind zwischen 4 und 10 Jahre alt ist

Natürlich gelten auch alle oben genannten Punkte. Ich habe aber auch noch sinnvolle Bücher für Sie herausgesucht, anhand deren Sie das Lügen mit ihrem Kind gut durchbesprechen und so bildlich veranschaulichen können. Das macht es für viele Kinder greifbarer als bloßes Besprechen und es fällt ihnen leichter Fragen dazuzustellen.

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Leo Lausemaus sagt nicht die Wahrheit (Werbung): Aus der Leo Lausemaus-Reihe gibt es auch ein niedliches Buch über Lügen. Es ist vor allem für kleinere Kinder ab 3 geeignet und handelt davon, dass einem niemand mehr glaubt, wenn man zu oft lügt. Perfekt also für die erste Auseinandersetzung mit dem Thema Lügen.

Fredy flunkert (Werbung): Ein Buch für Kinder zwischen 4 und 10 Jahren, das nicht nur die schlechten Seiten des Lügens zeigt. Das Buch ist sehr gut, um alltägliche Situationen mit Kindern zum Thema Lügen durchzubesprechen. Im Wesentlichen handelt es von Freunden, von denen einer immer erzählt, wie toll er nicht sei.

Eine dicke Lüge (Werbung) ist ein Bilderbuch für Kinder ab 4 aufwärts. Das Buch regt gerade dadurch, dass es als Bilderbuch gestaltet ist zum Gespräch über das Lügen an. Im Speziellen dreht es sich darum, dass man sich etwas nicht zugeben traut und auf jemand anderen schiebt. Perfekt also für solche Lügensituationen.

Was tun, wenn mein Kind Geschichten erfindet?

Das Erfinden gesamter Geschichten ist ein Phänomen, das wir vor allem bei Kindern ab 5 Jahren beobachten können. Es ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass unsere Kinder in der Phase angelangt sind, in denen sich Ihre Moral ausprägt. Aber diese Zeit fällt auch mit der Ausbildung des magischen Denkens zusammen.

Ungefähr mit 4 - 5 Jahren haben unsere Kinder eine blühende Fantasie und die wird auch eingesetzt. Das "Problem" ist: genaugenommen zählen diese Geschichten nicht zu Lügen. Unsere Kinder reimen sich Geschichten zusammen, um sich selbst die Welt zu erklären. Natürlich verstehen sie viele Zusammenhänge und Fakten einfach noch nicht. Ihre Beobachtungsgabe ist allerdings schon sehr gut und sie bekommen vieles mit.

Kinder neigen dazu, sich manche Vorgänge und Geschehnisse durch Magie zu erklären, weil ihnen einfach das Hintergrundwissen und das abstrakte Denken noch fehlen. Und, um diese Ereignisse nicht losgelöst vom Alltag zu sehen, werden Geschichten drum herumgebaut. Das macht es unseren Kindern leichter, sich Geschehnisse zu merken und sie in ihr Weltbild einzuordnen.

Aber, es sind keine Lüge. Manchmal erscheinen sie uns Erwachsenen aber so, weil es einfach so kreative und fantastische Geschichten sind. Allerdings wollen unsere Kinder uns nicht damit beeinflussen oder manipulieren. Sie erklären sich nur ihre Welt.

Hier ist ebenso wichtig, die Hintergründe zu erfragen. Wollen unsere Kinder etwas verschleiern oder liegt es eben an der Verarbeitung des Geschehenen, dass sie sich nicht erklären können? Und auch hierbei gilt, sagen Sie Ihrem Kind, was das mit Ihnen macht und wie Sie es sehen. Ohne Druck und Strafe. Versuchen Sie, einfühlsam die Hintergründe aufzudecken. Außer den eben genannten beiden Gründen könnte es natürlich auch sein, dass Ihr Kind Aufmerksamkeit will.

Fragen Sie nach, lassen Sie sich Hintergründe und Gedankengänge von Ihrem Kind erklären. Bei Bedarf geben Sie Ihrem Kind die nötigen Hintergrundinformationen, erklären Zusammenhänge oder Abfolgen. So lernt Ihr Kind viel über unsere Welt und Sie stärken gleichzeitig Ihre Beziehung und erfüllen das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.

Fazit

Lügen hat Vorteile und Nachteile. Es ist wichtig, unseren Kindern beide Seiten zu zeigen und sie nicht dazu zu erziehen, nie zu lügen. Es ist wichtig, dass Kinder in ihrer Moralentwicklung von uns unterstützt werden und wir ihnen alle Facetten des Lügens offenbaren. Außerdem ist es auch wichtig, ehrlich mit ihnen zu sein und zu sagen, wenn wir merken, dass sie lügen. Aber ohne schimpfen, wenn möglich. Das hemmt nur die Offenheit unserer Kinder uns gegenüber. Tatsache ist, dass unsere Kinder irgendwann lügen werden. Aber es liegt an uns, wie sie im Weiteren damit umgehen und wie sie Lügen in Zukunft einsetzen werden.

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