Was tun bei Leistungsverweigerung?

Verweigerungsverhalten finden wir in allen Lebensbereichen. Zum Problem wird es natürlich oftmals in der Schule und bei schulrelevanten Aufgaben. Verweigerungsverhalten stellt eine Art Flucht und aus dem Weg gehen dar. Unsere Aufgabe als Eltern besteht darin, herauszufinden, wovor unsere Kinder flüchten, denn die Auslöser sind oft nicht sofort ersichtlich. Und dann mit Ausdauer neue und angepasste Ziele zu setzen. Bei unseren Kindern ist dafür meist auch viel Unterstützung notwendig. Die beste Prävention ist übrigens, unseren Kindern einen gesunden Selbstwert zu vermitteln.

Aber was tun, wenn wir erste Anzeichen sehen? Umgehend handeln und wie genau erfahren Sie in diesem Beitrag.

Leistungsverweigerung in der Psychologie

Allgemein bekannt ist die Leistungsverweigerung hauptsächlich in Verbindung mit Schulkindern und deren Nichterbringen von Leistung. In der Psychologie nennen wir das eigentlich Anstrengungsvermeidung. Genauer bezeichnet es sogar den aktiven Einsatz bestimmten Verhaltensweisen, um eine Anstrengung für eine bestimmte Aktion zu vermeiden.
Diese Anstrengungsvermeidung entsteht, wenn die benötigten Anforderungen für eine bestimmte Aufgabe und alle Handlungen, die damit zu tun haben, ständig negative Emotionen auslösen. Also, wenn wir immer wieder Frust, Wut oder Enttäuschung in Zusammenhang mit einer bestimmten Aufgabe erleben, führt das längerfristig dazu, dass wir alles meiden, was damit zu tun hat.

In der Psychologie zählt es sogar zur Kategorie der Motive. Es ist, laut Kuhl 2006, ein bedürfnisorientiertes Selbststeuerungssystem. Dies sind unterschiedlichen Taktiken, die sich jeder von uns im Laufe seiner eigenen Lern- und Erfahrungsgeschichte aneignet.

Aber Achtung: Anstrengungsvermeidung ist nicht immer schlecht. Es kann bei gewissen Umständen nämlich auch dahin gehend sinnvoll sein, dass unnötig hoher Aufwand reduziert wird. So bleiben die Ressourcen für andere wichtige Aufgaben frei. Allerdings dürfen dabei der Anreiz und die Ziele nicht aus den Augen verloren werden, um diesen positiven Effekt beizubehalten.

Eine Studie von Wagner, Dunkake und Weiß aus 2004 zeigt, dass 35,2 % aller Schüler ab der 8. Klasse schon einmal in ihrer Schullaufbahn geschwänzt haben. 29 % davon geben an, im letzten Schuljahr geschwänzt zu haben und 7,9 % aller Schüler ab der 8. Klasse gelten als Schulverweigerer. Davon besuchen die meisten eine Hauptschule. In dieser Studie wurde auch bestätigt, dass es einen deutlichen Zusammenhang gibt zwischen häufigen Treffen mit Freunden, zu Hause und in der Öffentlichkeit und Schulverweigerung. Ebenso wirkt sich das Nachgehen einer Arbeit neben der Schule oder ähnlich aufwendige Beschäftigungen negativ auf den Besuch der Schule aus.

Warum verweigert sich mein Kind?

Gründe Anstrengungsvermeidung
Gründe Anstrengungsvermeidung

Was ist Leistungsverweigerung in der Schule?

Die Leistungsverweigerung in der Schule drückt sich in verschiedenen Bereichen aus:

  • Eine schlechte oder belastete Beziehung zur Lehrkraft
  • Häufige Verspätungen
  • Gezielte Unterrichtsstörungen
  • Schulische Misserfolge, schulische Überforderung, schlechte Noten oder ein nicht bestandenes Schuljahr
  • Verlängertes Fehlen bei kleineren Beschwerden oder Krankheiten; häufiges Fehlen wegen unspezifischer Krankheiten (wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen …)
  • Wenig oder keine sozialen Kontakte in der Klasse
  • Freunde, die auch der Schule fern bleiben
  • Wenig oder keine Mitarbeit im Unterricht
  • Niedergeschlagenheit und Frustration des Kindes
  • Vermeidung von Gesprächen und wenig bis keine Interaktion mit Mitschülern
  • Keine Hausaufgaben werden gemacht
  • Geschwister, mit ähnlichen Verweigerungsverhalten oder schlechten Schulerfahrungen

Das sind so erste typische Anzeichen bei einer Schulmüdigkeit und die damit einhergehende Anstrengungsvermeidung. Manchmal wird das Verhalten aber auch durch die Eltern gedeckt, zum Beispiel durch Entschuldigungen, oder von Ihnen auch nicht gleich als solches erkannt.

Leistungsverweigerung beim Kind

In der Primärstufe und Anfang der Sekundarstufe können sich erste Anzeichen der Schulverweigerung oder der Anstrengungsvermeidung zeigen. Hier werden die ersten negativen Erfahrungen gesammelt und erste Strategien der Anstrengungsvermeidung erprobt und gegebenenfalls auch eingeübt. Zuerst zeigt sich meist eine Schulmüdigkeit. Manche bezeichnen Sie auch als Schulunlust.

Diese Unlust kann sich in passiver Form zeigen. Das wirkt sich dann hauptsächlich in der Vermeidung von einzelnen Aufgaben und durch nicht Teilhabe am Unterricht aus. Also, wenn Kinder tagträumen, sich selbst anderweitig ablenken oder auch häufig zu spät kommen und Bücher oder Hefte in diesem Fach vergessen. Bei anderen Kindern zeigt sich die Schulunlust auch im aktiven Stören des Unterrichts durch Lärm, oder anderen unerwünschten Verhalten. Bei anderen Situationen, wie Zahnarzt, Familienausflügen oder Sport kann sich solch eine Unlust und später eine Anstrengungsvermeidung natürlich ebenso einschleichen.

Leistungsverweigerung bei Teenager

Die Anstrengungsvermeidung kann auch noch im Jugendaltern ihren Anfang finden. Vor allem, wenn Sie wissen, dass es kaum schlechte Lernerfahrungen und Schulerfahrungen bisher gegeben hat. Besonders für Teenager ist die Peergroup, also Gleichaltrige, und deren Anerkennung besonders wichtig. Teenager beziehen den Großteil ihres Selbstwertes daraus und es dient natürlich auch zur Selbstfindung. Es ist unseren Kindern daher von großer Bedeutung, sich nicht vor anderen zu blamieren und den Gleichaltrigen zu gefallen. Daraus kann dann auch eine Leistungsverweigerung oder gar Schulverweigerung resultieren, einfach, weil es cool ist zu schwänzen. Und umgekehrt, ist eben nicht cool, mit den Eltern zum Beispiel wandern zu gehen.

Bei Jugendlichen helfen Predigen und Mahnungen kaum bis gar nicht. Meist erzeugen sie nur das Gegenteil und stärken den Widerwillen. Oberste Priorität hat bei Teenagern Autonomie. Deshalb ist es wichtig, hier anzusetzen und dieses Bedürfnis bei einem Gespräch auch hervorzuheben.

Alle unten genannten Punkte können natürlich auch für Teenager helfen. Allerdings ist hier eben der Fokus daraufzulegen, dass wir sie nicht versuchen zu überreden, sondern ehrlich und klar die Dinge ansprechen. Erklären Sie auch Ihre Befürchtungen und Erfahrungen. Aber betonen Sie auch Ihre Erwartungen und Wünsche. Ihr Kind wird erwachsen und kann damit umgehen, dass auch wir Eltern Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche haben. Zeit diese anzusprechen. Lassen Sie aber Ihr Kind auch immer ausreden und versuchen Sie, seine/ihre Perspektive einzunehmen und zu verstehen. Versuchen Sie herauszukitzeln, was sein/ihr Plan ist, wo das Ziel liegt. Wenn Sie ein Ziel herausgefunden haben, dann bieten Sie Ihrem Kind Unterstützung an, aber ohne es zu drängen.

Natürlich gehören zum erwachsen werden aber nicht nur Rechte, sondern eben auch Pflichten. Ohne besonderen Druck auszuüben, oder gar in Streit zu verfallen, können Sie ihren Teenager auch darauf aufmerksam machen. Welche Pflichten gibt es innerhalb der Familie, welche Zusammenhänge gibt es zwischen Rechten und Pflichten und wie wirken sie sich auf die Zukunft bzw. auf das gewünschte Ziel aus.

Leistungsverweigerung bei jungen Erwachsenen

Auch wenn unsere Kinder schon erwachsen sind, fühlen wir uns natürlich als Eltern immer noch für sie verantwortlich und wollen ihr Bestes. Erleben wir, wie sich unsere schon erwachsenen Kinder im Alltag treiben lassen, ohne Ziel und mit jeglicher Anstrengungsvermeidung, löst das natürlich Ängste und Sorgen in uns aus.

Hier bleibt uns aber nicht viel, außer es möglichst streitfrei und vorwurfsfrei anzusprechen. Unsere Sorgen und Ängste ihnen mitteilen, kann unseren Kindern helfen, unsere Perspektive einzunehmen. Auch Unterstützung und gemeinsame Zielvisualisierung kann hilfreich sein. Haben wir Menschen erst mal ein konkretes Ziel vor Augen, das wir selbst wirklich erreichen wollen, sind wir meist nicht mehr zu stoppen. Manche jungen Erwachsenen benötigen hier auch noch Unterstützung von den Eltern.

Sich treiben lassen, ist einfach oft bequemer oder neue Herausforderungen bringen noch zusätzliche Unsicherheit mit sich, von denen viele junge Erwachsene ohnehin schon genug haben. Auch das Finden von wichtigen Zwischenschritten kann für junge Erwachsene ein Problem darstellen. Besonders, wenn es ein großes Ziel in weiterer Ferne ist, können auch Erwachsene damit überfordert sein. Scheuen Sie sich also nicht, hier ein klares Gespräch zu führen und damit ihr schon erwachsenes Kind zu unterstützen.

Was tun, wenn Kind sich verweigert?

Eine komplette Verweigerung von Aufgaben, Test oder gar Schule stellt für alle Beteiligten natürlich ein großes Problem und eine große Herausforderung dar. Solch ein Verhalten baut sich natürlich nicht über Nacht auf, sondern es gibt schon eine Lerngeschichte dazu. Es ist wichtig, sich Unterstützung von allen Seiten zu holen. Alle wichtigen Parteien sollten dabei an einem Strang ziehen. Damit meine ich nicht, dass alle auf das Kind einreden sollten und es überzeugt werden muss. Nein, alle sollten sich zusammensetzen und herausfinden, was der Auslöser war und wo genau die Gründe für die Verweigerung liegen.

Verweigerung hat immer einen Auslöser. Es kann daran liegen, dass sich Ihr Kind überwältigt fühlt von der Aufgabe und nicht weiße, wie es das lösen soll. Manche Kinder wollen sich auch nicht bloßstellen vor anderen, glauben aber, das Ziel oder die Aufgabe nicht zu meistern. Zu einem Großteil liegt der Anreiz darin, den eigenen Selbstwert zu schonen. Das Kind glaubt, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein und versucht, die Situation zu vermeiden, zu „fliehen“. Und wenn es das räumlich nicht kann, dann kann sich das natürlich in einer Verweigerung zeigen. Denn auch so, entzieht man sich der Situation, in gewissen Maßen.

Für manche Kinder, vor allem Jugendliche, hat es natürlich auch einen sozialen Aspekt. Bedeutet, Schwänzen oder sich Auflehnen ist natürlich auch cool und kann einem Ansehen bei Gleichaltrigen bringen.

Tipp
Oberste Priorität ist es, die Beweggründe für die Verweigerung herauszufinden.

Den Selbstwert heben und die innere Motivation entflammen sind zwei wesentliche Methoden, um unsere Kinder für eine Aufgabe zu begeistern. Liegt aber bereits ein Vermeidungsverhalten vor, sollten zuerst Bedenken und Ängste ernst genommen und mit viel Arbeit, Übung und Geduld, diese beseitigt werden. Das können Sie dadurch erreichen, dass Sie Ihr Kind so vertraut wie möglich mit der Situation selbst, aber auch mit allen möglichen Varianten davon machen und die Auswirken durchbesprechen oder auch durchleben und einzuüben. Wir müssen es schaffen, ihnen die Angst und Unsicherheit, die mit dieser Herausforderung in Verbindung steht, so weit wie möglich zu nehmen. Das können wir durch Sammeln von positiven Erfahrungen und durch Vermittel von Informationen und Wissen über alles drumherum erreichen.

Wie sollen wir Eltern mit Leistungsverweigerung umgehen?

Natürlich ist es meist ein Verhalten, das sich über einen längeren Zeitraum aufbaut. Aber, wenn wir Eltern es bemerken, sollten wir es nicht noch weiter aufschieben, sondern sofort handeln. Aber wie? Hier ein kurzer Leitfaden:

  1. Reagieren Sie unverzüglich
    Je rascher Sie darauf reagieren, desto besser sind Ihre Chancen, dass sich das Problem nicht noch tiefer verfestigt. Natürlich betrifft das vor allem die Schule und damit Verbundenes. Überlegen Sie daher auch, ob es Ihnen als Eltern wichtig ist oder ob es tatsächlich wichtig für die Zukunft Ihres Kindes ist.
  2. Zuständige Person auswählen
    Überlegen Sie sich vorab, wer die geeignetste Person ist, um das Problem federführend anzusprechen. Das können wir als Eltern sein, aber auch eine andere nahestehende Person, wie Lehrer. Wichtig ist, die Person zu wählen, mit dem besten Zugang zum Kind oder Teenager.
  3. Eigene Emotionen reflektieren
    Natürlich macht das Schwänzen und Verweigern auch was mit uns Eltern. Deswegen ist es ratsam, sich zuerst dieser Emotionen bewusst zu werden, damit wir dann im Gespräch mit unseren Kindern oder auch anderen nicht davon überrascht werden. So gelingt es uns leichter, objektiv zu bleiben und den nächsten Schritt vorzubereiten.
  4. Sachlage klären
    Sehen Sie sich zunächst an, womit Sie es wirklich zu tun haben. Sie sollten es, auch wenn es schwerfällt, als Sammeln der vorliegenden Daten betrachten. Wie viele Fehlstunden gibt es? Um welches Fach handelt es sich? Gibt es soziale Probleme? Gibt es Schwierigkeiten mit einem Lehrer? Wie groß sind die Lernrückstände? Gibt es eventuelle Folgeprobleme, bei Freunden, Eltern, oder Ähnliches? Was ist der eigentliche Auslöser oder Anreiz für die Vermeidung?
  5. Gründe suchen
    Die Ursache ist wesentlich. Nur wenn wir den Grund für das Verweigerungsverhalten kennen, können wir auch den Auslöser dafür beseitigen oder zumindest aufarbeiten. Mögliche Gründe können die Angst vor Versagen sein, das Streben nach Anerkennung Gleichaltriger, Konflikte mit Lehrern, Streit mit Mitschülern, familiäre Belastungen, fehlen der Sinnhaftigkeit bzw. der Motivation.
    Dazu kann es notwendig sein, auch von anderen Sichtweisen einzuholen. Besonders Lehrer, aber auch wenn mögliche Freunde oder andere wichtige Bezugspersonen können hier hilfreiche Informationen liefern.
  6. Gespräch suchen
    Ohne Vorwürfe und mit viel Feingefühl und vor allem mit einem Plan können Sie dann nach getaner Vorbereitung, versuchen, Ihr Kind einzubeziehen. Zuerst sollten Sie dazu nüchtern das Problem beschreiben und dann Ihre Befürchtungen und eventuell Erfahrungen nennen. Fragen Sie auch aktiv nach der Ansicht und Perspektive Ihres Kindes und versuchen Sie, seine/ihren Blickwinkel auch aktiv einzunehmen. Sie sollten davor und danach die Stärken und Ressourcen, die Ihr Kind hat, hervorheben. So können Sie gemeinsam beginnen, über mögliche Ursachen zu sprechen und dann erste Lösungsansätze zu schaffen. Manchmal ist es nützlich, auch den bisherigen Weg und die bereits versuchten Lösungen durchzusprechen, um zu sehen, was gut und was weniger gut funktioniert hat.

Was hilft gegen Verweigerung?

Wie schon erwähnt, basiert diese Verweigerung auf eine längere Lernerfahrung. Aber zum Glück führen nicht alle negativen Erfahrungen zum Entwickeln eines Problems. Es gibt auch Schutzfaktoren, sogenannte Resilienzfaktoren, die uns Menschen dafür schützen. Diese Resilienzfaktoren gilt es übrigens auch zu stärken, wenn bereits ein Problem vorliegt.

Die Resilienzfaktoren:

Resilienzfaktoren
Resilienzfaktoren

Resümee

Verweigerungsverhalten, egal ob in der Schule oder zu Hause, tritt vorwiegend ab der Pubertät auf. Es hat sehr viel mit dem Streben nach Autonomie zu tun. Natürlich braucht es die dazugehörige Lernerfahrung im Vorfeld. Meist sind die negativen Erfahrungen bei Herausforderungen der gleichen oder ähnlichen Art oder aber auch ein Mittel, um ungeliebten aus dem Weg zu gehen. Alles, was lange eingelernt wurde, benötigt auch mindestens die gleiche Zeit, um es wieder zu verlernen. So ist das leider auch beim Verweigerungsverhalten. Uns bleibt nur, mit viel Geduld, aber auch Kontinuität unseren Kindern die Ängste davor zu nehmen und andere Probleme im Umfeld der Aufgabe herauszufinden und zu lösen.

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