Was ist eine unsichere Bindung?

Eine unsichere Bindung erkennen Sie daran, dass Ihr Kind Sie nicht als sicheren Hafen sieht. Es traut sich kaum die Umgebung erkunden oder klammert enorm. Aber auch wenn Ihnen dieses Verhalten nun bekannt vorkommt, gibt es keinen Grund zur Panik. Ich erkläre im Anschluss genauer, wann es Grund gibt sich die Situation genauer anzusehen.

Was ist eine unsichere Bindung

Wir Menschen fühlen uns von Beginn unseres Lebens zu unseren Bezugspersonen hingezogen. Wir brauchen diese guten und sicheren Beziehungen, damit wir uns gut entwickeln können. Das bezeichnen wir in der Psychologie auch als Bindung.

Insgesamt gibt es 4 Typen von Bindungen:

Die nachfolgende Tabelle zeigt die Aufteilung der Bindungstypen.

BindungstypAnteil
Sichere Bindung64,4%
Unsicher-vermeidende Bindung19,8
unsicher-ambivalente Bindung14,9%
Unsicher-desorganisierte Bindung0,9%

Für eine gute Entwicklung unserer Persönlichkeit und unseres Geistes ist eine sichere Bindung zu unseren Bezugspersonen (das sind meist die Eltern) enorm wichtig. Durch eine sichere Bindung sind unsere Kinder in der Lage bzw. trauen sie sich, die Welt um sie herum zu erkunden und Dinge auszuprobieren. Das ist dadurch möglich, weil die Kinder wissen, dass es einen sicheren Hafen gibt, welcher ihnen Schutz bietet.

Bei einer unsicheren Bindung ist das nicht der Fall. Das Schutzbedürfnis unserer Kinder und die Liebe zu uns Eltern bleibt aber trotzdem bestehen. So versuchen die Kinder sich dieses Schutzbedürfnis bei ihren Eltern selbst zu erfüllen. Die möglichen Verhaltensweisen sind dann je nach unsicheren Bindungstyp unterschiedlich ersichtlich.

Die Kindheit der Eltern beeinflusst die Bindung

Die eigene Kindheit der Eltern wirkt sich natürlich auf die Bindung zu den eigenen Kindern aus. In einer Studie wurde erforscht, wie sich die Kindheitserinnerungen der Eltern auf die Bindung zu den eigenen Kindern auswirkte.

Hier ist anzumerken, dass es sich nicht generell um eine gute oder schlechte Kindheit handelt. Vielmehr beschreiben die 4 Gruppen wie sich die Eltern an Ihre Kindheit erinnern und wie die eigene Kindheit wahrgenommen wird.

In der nachfolgenden Beschreibung der unsicheren Bindungen ist der Anteil der Elterngruppen in Diagrammen dargestellt. Diese zeigen die Häufigkeit einer Bindung je nach Kindheitserinnerung (oder -verarbeitung) der Eltern.

Diese Verteilung zeigt, dass die Einstellung der Eltern zur eigenen Kindheit Auswirkung haben kann auf die Bindung zu den eigenen Kindern. Bei den meisten Bindungstypen gibt es hier eine Tendenz, was aber keine generelle Regel darstellt.

Die unterschiedlichen Elterntypen sind folgende:

Autonome Eltern

Autonome Eltern erinnern sich an positive und negative Erlebnisse ihrer Kindheit. Dadurch können Sie auf vielfältige Erfahrungen ihrer Kindheit zurückgreifen. Bei sicheren Bindungen sind knapp 3/4 der Eltern Teil dieser Gruppe.

Abweisende Eltern

Abweisende Eltern bestehen darauf, dass sie sich nicht an Kindheit erinnern können oder sie sind inkonsistent bei der Wiedergabe der Erinnerungen.

Verstrickte Eltern

Verstrickte Eltern haben verwirrte und ärgerliche Kindheitserinnerungen und erzählen keine schlüssigen Erlebnisse aus ihrer Kindheit.

Ungelöste Eltern

Ungelöste Eltern leiden an Trauma wegen Verlust oder gar wegen Missbrauch.

Die unsicheren Bindungstypen

Die unsicher-vermeidende Bindung

Wie das Wort „vermeidend“ schon ahnen lässt, ziehen sich diese Kinder von ihrer Bezugsperson zurück. Also Ihr Kind beachtet Sie nicht, wenn Sie da sind und reagiert auch nicht, wenn Sie das Zimmer verlassen.

Vermeidende Kinder reagieren auf Sie und auf fremde Personen annähernd gleich. Waren Sie weg und kommen gerade zurück, von der Arbeit zum Beispiel, reagiert ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind meist ablehnend. Ihr Kind will von Ihnen nicht auf den Arm genommen werden, kommt nur sehr zögerlich zu Ihnen und will auch nicht von Ihnen getröstet werden.

Quelle: Siegler, R. Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters, Springer Verlag

Die unsicher-ambivalente Bindung

Bei der unsicher-ambivalenten Bindung klammern die Kinder sehr an ihrer Bezugsperson. Sie zeigen kein Interesse an dem, was um sie herum geschieht oder was es alles zu erkunden gäbe.

Wenn Mama oder Papa weggehen, weinen sie meist und lassen sich nur schwer beruhigen. Wenn Sie wiederkommen, merkt man, dass unsicher-ambivalent gebundene Kinder einerseits gerne zu Mama oder Papa wollen, aber auch, dass sie wütend und ablehnend sind. Manchmal auch aggressiv. Auch da sind diese Kinder nur schwer zu beruhigen und brauchen länger, um wieder ihren gewohnten Tätigkeiten nachzugehen.

Quelle: Siegler, R. Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters, Springer Verlag

Die unsicher-desorganisierte oder auch unsicher-desorientiere Bindung

Diese Kinder sind generell sehr unsicher. Wenn Mama, Papa bzw. eine ihrer engen Bezugspersonen zurückkommt, sind diese Kinder oft sehr zerstreut und benehmen sich widersprüchlich.

Sie wollen zum Beispiel rauf genommen werden, drehen sich dann aber weg oder werden auch wütend. Es kommt durchaus vor, dass unsicher-desorganisiert / desorientiert gebundene Kinder regelrecht erstarren, wenn seine Eltern wieder kommen. Sie brechen auch längere Zeit nach der Rückkehr der Eltern bzw. der Bezugsperson immer wieder in Tränen aus, obwohl sie sich schon beruhigt hatten.

Quelle: Siegler, R. Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters, Springer Verlag

Was ist normal, wann sollte ich mir Sorgen machen?

Natürlich ist es für Kinder auch durchaus nichts ungewöhnlich zu weinen, wenn wir Bezugspersonen weggehen. Oder auch, dass sie auf uns böse sind, nachdem wir wieder daheim sind und zu lange weg gewesen sind. Schon gar keine Sorgen sollten Sie sich machen, wenn Ihr Kind Sie einfach nur verabschiedet (wenn überhaupt) und weg ist er/sie in den Kindergarten und Ihnen keine Träne nachweint.

Das ist gar nicht besorgniserregend. Das alles ist normal und gesund!

Der tatsächliche Unterschied zeigt sich, wenn das obige Verhalten so gut wie immer auftritt. Vor allem zeigt sich das Verhalten langfristig und hat keine anderen Ursachen. 

Andere Ursachen können zum Beispiel sein: Mein Kind ist gerade schüchtern und traut sich in einer Phase nur wenig von mir weg oder es braucht einfach eine Zeit bis es „auftaut“. Spielt dann aber irgendwann ganz normal auch in einer fremden Umgebung. Oder Ihr Kind ist gerade wegen etwas sauer auf Sie und will Sie im Moment nicht in Ihrer Nähe haben, obwohl Sie gerade von Ihrem Kind getrennt waren.

Also, auch wenn Ihr Kind diese Verhaltensweisen zeigt, die sich auch bei einer unsicheren Bindung zeigen, kann das immer noch eine andere, kurzfristige, Ursache haben. Haben Sie allerdings das Gefühl, es ist wirklich länger anhaltend und nicht nur „eine  Phase“ und wenn es Sie belastet, schieben Sie es nicht auf die lange Bank. Versuchen Sie das Problem anzugehen und bei Bedarf scheuen Sie nicht davor zurück sich Hilfe zu suchen.

Aber was können Sie tun, um das zu ändern?

Glücklicherweise sind die meisten unsichere Bindungen nicht sehr "stabil". Das heißt, wir können sie immer noch zu einer sicheren Bindung ändern. 

Wie auch beim Artikel der sicheren Bindung erwähnt, ist es wichtig, dass Sie für Ihr Kind da sind. Ihr Kind muss Ihnen vertrauen und wissen, dass es bei Ihnen die Hilfe bekommt, die es benötigt. Dabei geht es nicht um jede Kleinigkeit und schon gar nicht um Wünsche. Wenn Ihr Kind ein Problem hat, sollten Sie versuchen, es mit ihm gemeinsam zu lösen. Wenn das nicht gelingt, Trost spenden und ihrem Kind zeigen, wie es mit der Situation am besten umgehen kann. Auch wie es daraus lernen kann.

Geben Sie Ihrem Kind die Chance, so viele schöne Momente und Vertrauenssituationen wie möglich mit Ihnen zu erleben. So lernt Ihr Kind, dass Sie der sichere Hafen sind. Es ist bei Ihnen sicher und kann mit all seinen Anliegen zu Ihnen kommen.

Sie sollten Ihr Kind dafür in seinen Anliegen ernst nehmen. Also wenn Ihr Kind sagt, es hat Angst, dann stimmt das auch. Zu sagen: „Aber du brauchst keine Angst zu haben“ zum Beispiel, löst das Problem des Kindes nicht. Es hat nämlich trotzdem Angst. Sie könnten in dieser Situation versuchen zu erklären, warum es Angst hat und was eigentlich passiert. Also zum Beispiel: „Ich habe Angst vor Monstern“, lässt sich wunderbar erklären mit: woher die Geräusche, die Ihr Kind in der Nacht hört, in Wirklichkeit kommen. Wer in der Nacht da ist um aufzupassen, und das zugesperrt wird und niemand hereinkommen kann. Und noch vieles mehr.

Fazit

Natürlich wird es uns Eltern nicht immer gelingen herauszufinden wo der Schuh drückt. Wir haben auch nicht immer ein offenes Ohr oder die Geduld und Zeit unseren Kindern alles zu erklären. Aber der Großteil unseres Verhaltens sollte in diese Richtung gehen und der Rest eher die Ausnahme bleiben.

Dann haben unsere Kinder trotzdem Vertrauen in uns. Und das ist wichtig für sie, um ihre Umgebung zu entdecken, zu lernen und zu offenen, respektvollen Erwachsenen zu werden.

Mehr über Bindung, schwerwiegende Bindungsstörung und psychische Störungen können Sie in der herunterladbaren Präsentation von der Universität Zürich erfahren.

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