Legasthenie im Kindergarten erkennen und fördern

Immer wieder rede ich mit Eltern, die Sorge haben, Ihr Kind könnte Legasthenie haben. Vielleicht, weil Sie beobachtet haben, dass sich Ihr Kind im Zusammenhang mit Sprache schwertut oder auch, weil Sie als Eltern selbst betroffen sind. Diese Sorgen sind verständlich und auch teilweise berechtigt. Legasthenie und Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) sind gut untersuchte Phänomene und können tatsächlich schon im Kindergarten entdeckt werden. Und zum Glück können Sie auch frühzeitig dagegen steuern, indem Sie:

  • Ihr Kind genau beobachten
  • Reime üben
  • Lieder singen
  • Silben klatschen
  • phonologische Bewusstheit generell fördern
  • Aufmerksamkeit fördern
  • Sinneswahrnehmungen üben

Unterschied Lese-Rechtschreibschwäche und Legasthenie

Obwohl beide Begriffe im Allgemeinen synonym verwendet werden, gibt es doch Unterschiede.

Legasthenie ist das „klinische“ Bild. Genauer gesagt ist es sogar eine entwicklungsbedingte Teilleistungsstörung. Bestimmte Schritte im Schrift-Spracherwerb wurden dabei nicht richtig durchlaufen. Das kann viele Ursachen haben, wie unten beschrieben. Bei der Legasthenie sind es eher angeborene Ursachen oder welche, die ganz früh in der Entwicklung Einfluss nehmen. Neurologische Ursachen kommen hier genauso infrage, wie genetische Veranlagung.

Die Lese-Rechtschreibschwäche (kurz: LRS) ist ein Symptom, das vorwiegend im pädagogischen Bereich verwendet wird. Bei der Lese-Rechtschreibschwäche liegen keine Aufmerksamkeitsprobleme oder Sinneswahrnehmungsprobleme zugrunde, aber das Kind macht dennoch überdurchschnittlich viele Fehler beim Lesen oder Schreiben.

Ab wann kann man LRS und Legasthenie feststellen?

Schon im Kindergarten lassen sich erste Anzeichen einer möglichen LRS feststellen. Wenn Sie Sorge haben, aufgrund Ihrer Beobachtungen und weil enge Familienmitglieder betroffen sind, ist die erste Anlaufstelle der Kindergarten und wenn vorhanden die SonderpädagogInnen. Aber auch Ihr Kinderarzt kann Ihnen viel Informationen und geeignete Stellen in Ihrer Umgebung nennen. Im Kindergarten können die PädagogInnen Ihre Vermutungen eventuell ergänzen, bekräftigen oder Ihre Sichtweise darstellen. Daher ist zuerst ein Gespräch mit dem Fokus auf die Entwicklung ratsam.

Früherkennung Lese-Rechtschreibschwäche und Legasthenie

Häufig wird das Bielefelder Screening Verfahren zur Abklärung und besonders zur Früherkennung angewandt. Das ist ein psychologisch standardisiertes Verfahren, das die sogenannten Vorläuferfertigkeiten des Schrift-Spracherwerbs genauer unter die Lupe nimmt. Es wird zweimalig im Vorschuljahr angewandt und beinhaltet ein Profil über Stärken und Schwächen, aufgrund dessen dann auch gleich ein optimaler Förderplan erstellt werden kann.

Dieser Test ist für fünf bis sechsjährige Kinder geeignet. Eine Anwendung davor ist nicht angedacht. Haben Sie als Eltern schon früher Sorge, empfiehlt es sich einfach ohne Druck und sehr spielerisch diese sogenannten Vorläuferfertigkeiten zu trainieren und somit zu fördern. Mehr dazu weiter unten.

Anzeichen Legasthenie im Kleinkindalter

Vor allem im Vorschulalter lassen sich folgende Anzeichen beobachten:

  • Spätes Erlernen der Sprache
  • Undeutliche Aussprache
  • Vertauschen von Bezeichnungen und Wörtern
  • Probleme beim Merken von Kinderliedern oder Reimen
  • Orientierungsprobleme
  • nicht altersgemäße Aufmerksamkeit

Es ist hier immer auf die altersgemäßen Fertigkeiten zu achten. Also, was und wie beherrschen gleichaltrige Kinder im Durchschnitt eine bestimmte Fähigkeit. Für den Laien ist das schwer zu sagen. Auch Pädagogen haben hier einen eher eingeschränkten Vergleichsradius. Die Diagnostik selbst sollten klinischen Psychologen überlassen bleiben, die mit entsprechenden geeichten Verfahren die Grundfertigkeiten genauer ansehen können.

Nur, weil eines der oben genannten Symptome bei Ihrem Kind beobachtbar ist, heißt das aber keinesfalls, dass es von Legasthenie oder LRS betroffen ist. Es gibt natürlich unzählige andere Ursachen. Dennoch ist es empfehlenswert, wenn ein Defizit auffällt, dieses gezielt zu fördern, um spätere Probleme zu verhindern.

Was sind typische Legasthenie Fehler?

Typische Legastheniefehler im Kindergarten zeigen sich im Verwechseln von Bezeichnungen, durch Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeit, beim Lernen von Reimen und Liedern, beim Silben klatschen oder auch beim Erkennen von Lauten und der Zuordnung zu Wörtern. Ein Vorschulkind sollte etwa die Frage: „Gibt es ein O in Ananas?“, richtig beantworten können.

Bei Schulkindern zeigen sich Probleme bei gewissen Buchstaben. Manche können ähnliche aussehende Buchstaben nicht oder kaum unterscheiden, wie I und L zum Beispiel. Andere merken sich schwer, in welche Richtung der Buchstabe „schaut“. Es kann auch vorkommen, dass sie sich dadurch beim Lesen schwertun. Das Lese- und Schreibtempo ist häufig deutlich verlangsamt und Kinder mit Schwierigkeiten in diesem Spektrum ermüden rasch durch Schreiben und Lesen. Auffällig ist, dass Kinder sich so beim Erkennen der Buchstaben anstrengen, dass sie das Gelesene nicht verstehen.

Oftmals betrifft es beide Bereiche, Schreiben und Lesen. Natürlich gibt es dieses Problem nicht nur in der Sprache, sondern auch bei Mathematik, das nennt sich Dyskalkulie und betrifft das Erkennen sowie das Schreiben von Zahlen.

Die Bandbreite der Symptomatik ist sehr breit und genauso wie die Ausprägung, stark individuell unterschiedlich. Aber im Zweifelsfall immer handeln und nach Abklärung suchen.

Ursachen der Lese-Rechtschreibschwäche

Bei den Ursachen sind die Studien und Fachrichtungen sich nicht ganz einig. Viele sehen eine genetische Vererbung als Ursache. Andere Studien berichten aber auch von begünstigten Faktoren aus der Umgebung als Ursache. Fakt ist, dass wahrscheinlich mehrere Ursachen sich vereinen. Auch eine neurologische Ursache beispielsweise kann zur Ausbildung von LRS oder Legasthenie beitragen. Psychiater entdeckten einen Zusammenhang zu einer geringeren Aktivität in einem Teil der linken Gehirnhälfte.

Auf jeden Fall hängt es stark von der Familie und dem Umfeld ab, wie gut ein Kind mit dieser Schwierigkeit umgehen lernt und welche Strategien es entwickelt, um damit umzugehen. Frühe Förderung macht hier große Unterschiede. Daher ist die Abklärung und das rasche Reagieren hier auch so wichtig.

Fördermaßnahmen bei Legasthenie und Lese-Rechtschreibschwäche

Es gibt mittlerweile eine große Bandbreite an Förderprogrammen und Angeboten, um der Legasthenie und LRS entgegenzuwirken. Allerdings sind laut Studien nicht alle zielführend. Über viele Studien hinweg sind vorwiegend die Programme zur Förderung der Rechtschreibung erfolgreich. Über die Wirksamkeit und weitere Fakten zu spezifischen Förderprogramme können Sie Details in der Analyse des Bundesministeriums für Bildung nachlesen. Unten habe ich zusammengefasst, welche Förderkomponenten wichtig für eine Verbesserung sind und wie Sie diese trainieren können.

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Phonologische Bewusstheit

Die Fähigkeit, die einzelnen Bestandteile eines Wortes zu erkennen und wahrzunehmen, ist für das Erlernen der Schrift-Sprache wesentlich. Hauptsächlich bei jüngeren LRS Kindern ist eine Förderung in diesem Bereich erfolgreich. Ältere Kinder haben sich diese Fähigkeit meist schon weitgehend nach erarbeitet. Es zeigte sich auch, dass Trainings, die gezielt Buchstaben als Trainingsmittel verwenden, effektiver als generelle Trainings zur phonologischen Bewusstheit sind. Phonologische Bewusstheit kann geübt werden mittels:

  • Silbengliederung: durch Silben klatschen, durch visuelle Unterstützung der Silben mittels Silbentrennung (Silbenbogen oder farbliches Hervorheben).
  • Reime: einzelner Wörter oder lesen von Reimen
  • Lautbewusstheit: durch Abändern einzelner Laute oder Phoneme in Wörtern. Ist ein O in Oma? Oder Opa-Oma, sind die Wörter gleich? Oder auch Bll, ein Buchstabe fehlt. Wie heißt denn das Wort richtig?
  • Wörter zusammenlauten: entweder als erste Leseübungen Ma-ma oder auch sprachlich nur für Kindergartenkinder, die noch nicht lesen können. Das Wort Ma-ma fängt an mit Ma-, wie geht es weiter? Ma-mo, Ma-mu oder Ma-ma?

Lustige Lieder, Reime und Spiele finden Sie in dem Buch: Sprachförderung für Kinder. Das große Spielebuch (Werbung). Dieses Buch eignet sich besonders für die Förderung im Kindergartenalter.

Das LÜK Buchstaben, Silben, Wörter (Werbung) eignet sich für Vorschulkinder, auch, wenn sie noch nicht lesen können.

Buchstaben-Laut-Zuordnung

Die Buchstaben-Laut-Zuordnung meint, das Bekanntmachen mit einzelnen Buchstaben und das Verknüpfen der Buchstaben zu den Lauten. Das kann schriftlich und mündlich erfolgen. Natürlich ist hier Einfallsreichtum gefragt. Sie können Ihr Kind den Buchstaben in Sand schreiben lassen oder mit Creme auf ein Tablett malen, aus Knete kneten oder in Vorschulheftchen nachzeichnen lassen und gleichzeitig auch sprechen. Alles, was hilft, dass sich das Kind den Buchstaben merkt und auch mit Wörtern verknüpft, ist hilfreich.

Hör genau (Werbung) ist ein lustiges Kartenspiel für Kinder ab 4 Jahren, das genau das trainiert.

Lesegenauigkeit

Die Lesegenauigkeit kann durch folgende Übungen trainiert werden:

  • Silben erkennen. An welcher Stelle steht die Silbe?
  • Pseudowörter vorgeben und lesen oder nachsprechen lassen. „Banikus“ zum Beispiel.
  • Lauttreue Wörter. Beim Üben sollten im Vorschulalter und ersten Klasse eher Wörter verwendet werden, die so klingen, wie sie geschrieben werden.

    Für Kinder der ersten Klasse und Kinder, die schon lesen können:
  • Wiederholtes Lesen von gewissen Silben, Wortteilen und auch Wörtern
  • Wiederholtes gemeinsames Lesen eines Textes
  • Gemeinsames Lesen eines Textes allgemein

Orthografisches Schreiben

Im Kindergartenalter sind vorwiegend Schwungübungen hilfreich, um das Schreiben und alle dazugehörigen Fertigkeiten zu üben. Sie machen den Kindern Spaß und erleichtern Ihnen das Schreiben lernen. Schwungübungen habe ich hier für Sie, aber Sie finden sie auch in Vorschulheften oder Internet.

Sprachliche Informationsverarbeitung

Hier steht die Verarbeitung und Wahrnehmung der Sprache im Vordergrund. Insbesondere dürfte bei LRS die phonologische Informationsverarbeitung betroffenen sein, diese kann im Kindergartenalter mittels:

  • Abzählreimen: „Ich und du, Müllers Kuh, und der Esel, der bist du.“(bei Schule & Familie finden Sei ganz viele Beispiele)
  • Silben würfeln: mit einem Würfel wird eine Zahl gewürfelt. Diese gibt die Anzahl der Silben vor. Ihr Kind soll dann ein Wort mit entsprechender Silbenanzahl suchen.
  • Anfangsbuchstaben visualisieren: Lassen Sie Ihr Kind einen großen Buchstaben anmalen oder nachziehen und ausscheiden. Dann suchen Sie einen Gegenstand, der diesen Buchstaben am Anfang stehen hat und befestigen den Buchstaben dort.

Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis, sowie vieles mehr, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle beim Schrift-Spracherwerb. Wie Sie die Konzentration und daher diese Fertigkeiten im Kindergartenalter fördern können, können Sie hier nachlesen.

Für Lehrer und interessierte Leser

Hier habe ich die Broschüre der österreichischen Schulpsychologie für Sie herausgesucht. Darin sind Richtlinien enthalten, wie Sie wann vorgehen sollten und auf was zu achten ist.

Ihr psychologischer Ratgeber in Familien- und Beziehungssachen.
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