Geduld üben mit Kindern

Geduld ist uns nicht angeboren. Sie entwickelt sich erst mit ungefähr zwei Jahren. In dieser Zeit entstehen die ersten komplexen Emotionen. Geduld ist eine davon. Bevor wir uns in Geduld üben können, müssen allerdings verschiedene Voraussetzungen zum Regulieren unserer Bedürfnisse erlernt werden. Die emotionale Selbstregulation bringt unsere Gefühle auf ein uns passend erscheinendes Maß. Kinder fangen damit tatsächlich ab dem zweiten Lebensjahr an. Sie freuen sich, weil sie Opa sehen, aber können auch noch schnell etwas zu Ende bringen oder an Mamas Hand warten. Sie ärgern sich, weil der Turm umfällt und verfallen nicht gleich in unbändige Wut. (Gelingt allerdings erst in einem höheren Alter).

Die Trotzphase nimmt ihren Lauf

Genau dieses Alter ist es, dass von vielen als Trotzphase bezeichnet wird. Die Kinder können nun schon einiges. Vieles auch selbst. Darum wollen sie viele Tätigkeiten auch alleine machen und werden missmutig, wenn wir ihnen helfen wollen. Leider gelingt es ihnen aber noch nicht.

Viele kleine Frustrationen führen so zu einem Wutanfall. Die eignen Emotionen zu kontrollieren beginnt eben erst in diesem Alter und dauert seine Zeit. Dies ist ein komplexer Vorgang, der unter anderem, auch durch Versuch und Irrtum von unseren Kindern erlernt wird.

Ungefähr zwei Jahre braucht es, bis die Grundstruktur der Selbstregulation ausgebildet ist. Allerdings hat sie auch dann immer noch nicht ihr Ende erreicht. Gerade bei der Kontrolle unserer Emotionen lernen wir bis circa zum Alter von 6 Jahren.

Emotionale Selbstregulation wird erlernt

Unsere Gefühle zu regulieren und mit ihnen richtig umzugehen, lernen wir zuallererst von unseren Eltern. In einer Studie des SOEP zeigt sich, dass vor allem eine frühe gute Mutter-Kind-Beziehung ausschlaggebend ist. Eine gute und sichere Bindung an die Mutter ermöglicht unseren Kindern eine raschere und wirkungsvollere Sozialisation. Kinder lernen so früher und sensibler den Umgang mit anderen.

Mit Fremden, aber zuallererst mit den wichtigsten Bezugspersonen, also Mama, Papa. Durch eine sichere Bindung trauen sich unsere Kinder mehr auszuprobieren und sammeln mehr Erfahrungen im Umgang mit anderen und mit ihrer gesamten Umwelt. Sie sammeln mehr Erfahrungen, vor allem auch mehr positive Erfahrungen. Passende und wichtige soziale Interaktionen werden von uns Eltern auch häufiger belohnt. Das heißt auch, dass Kinder mit sicherer Bindung öfter in ihrem Verhalten bestärkt werden.

Wir Eltern sind es natürlich auch, die unseren Kindern hier ein Vorbild sind. Sie beobachten uns, wie wir in den unterschiedlichsten Situationen reagieren, sie ziehen Schlüsse, fragen nach und imitieren uns schließlich.

Auch das Temperament unserer Kinder spielt dabei eine große Rolle. Auch hier loben wir unsere Kinder natürlich öfter, wenn sie das machen, was wir von ihnen erwarten. Das führt wiederum dazu, dass unsere Kinder sich öfter so verhalten, weil sie positive Erfahrungen damit gemacht haben. Belohnen wir die emotionale Selbstregulation öfter, lernen sie das auch wesentlich schneller als Kinder, die wir  als ”nicht brav” empfinden. Kinder mit schwierigem Temperament sind häufig unsicher oder ambivalent an ihre Eltern gebunden. Das erzeugt somit einen negativen Kreislauf. Sie sehen in unterstehenden Abbildung, dass ein Baustein den nächsten beeinflusst. Das gilt im positiven wie auch im negativen Sinne. 

Bindungs Temperament Kreislauf
Bindungs Temperament Kreislauf

Dass die emotionale Selbstregulation auch in der Schule sehr wichtig ist, konnte in dieser Studie gezeigt werden.

Tipps zum Selbstregulation und Geduld üben

Nun kennen Sie einige Hintergründe zur Geduld. Aber natürlich ist das Wichtigste der Alltag. Deshalb habe ich für Sie einige erprobte Tipps zusammengefasst, damit Sie mit Ihrem Kind Geduld üben können.

Achtsamkeit

Wir sollten unsere Kinder gerade in dieser heiklen Phase und vor allem bei sozialen Interaktionen durchaus mal genauer beobachten. Wenn dann „etwas schiefgeht“, können wir als Eltern rasch eingreifen und unserem Kind helfen sich zu beruhigen. Wenn das gelungen ist, können Sie mit ihm besprechen, was gerade passiert ist, welches Gefühl das Kind gerade erlebt hat und schließlich können sie gemeinsam nach Alternativen suchen.

Also zum Beispiel: Ihr Kind spielt mit einem Freund und gemeinsam bauen sie einen hohen Turm. Natürlich schmeißt ihn der Freund um. Ihr Kind fängt nach einer kurzen Schocksekunde an zu brüllen und schlägt schließlich das andere Kind. Nun ist natürlich schnelles Handeln gefragt. Zuerst muss die körperliche Gewalt unterbunden werden. Dann die Tränen getrocknet werden und der Streit geschlichtet werden. Dann wäre es gut, in einem vier Augen Gespräch zu klären, was passiert ist.

Erklären Sie Ihrem Kind, dass es jetzt wütend und zornig war. Vielleicht auch enttäuscht und dass es darum geweint und geschlagen hat. Erklären Sie ihm, dass es okay und normal ist so zu fühlen. Dass es allerdings nicht in Ordnung war, auf seinen/ ihren Freund hinzuhauen. Fragen Sie nun, ob es vielleicht eine Idee hat, wie es noch reagieren hätte können. Also weg gehen, „Nein“ schreien oder sich woanders abzureagieren. Allerdings sind nichts oder einfach weiter machen keine guten Alternativen. Denn die Gefühle, die ihr Kind gerade gezeigt hat, hat es ja trotzdem. Und diese Gefühle kann und soll es nicht einfach herunterschlucken.

Geduld muss bejubelt werden

Zeigt Ihr Kind Geduld, ist es gut, wenn Sie das unmittelbar kommentieren und loben. Seien Sie dabei ruhig etwas überschwänglich und bewundern Sie das Resultat. Kinder arbeiten zum Erreichen eines Zieles und können mit dem Wort Geduld noch nicht so viel anfangen. Es ist noch zu abstrakt.

Erklären Sie den genauen Ablauf

Je genauer Sie einen Zeitplan vorgeben, desto leichter wird es Ihrem Kind fallen,  abzuwarten. Viele Handlungen sind für unsere Kinder noch nicht überschaubar. Ebenso wie Zeitangaben schwer zu verstehen sind.

Hier helfen kindgerechte Zeitplaner, welche Sie für die Visualisierung der notwendigen Schritte verwenden können.

Geduld Zeit

Zeitangaben sollten konkret sein

 In 5 Minuten oder morgen ist gerade für kleinere Kinder noch zu schwierig zu fassen. Aber: noch einmal schlafen oder ich muss noch die Jause herrichten, den Hund füttern und Papas Hemd bügeln, bis wir zu Alexandra fahren, wird von den meisten Kindern viel besser verstanden. So fällt es ihnen leichter, die Zeit zu überbrücken und sie werden nicht von unvorhergesehenen Zwischenschritten überrascht.

Lassen Sie Ihrem Kind auch Zeit für sich selbst

Viele Eltern haben den Drang, Ihrem Kind ständig etwas zu bieten. Ich kann das gut verstehen, Abwechslung macht den Alltag für unsere Kinder spannend und sie sammeln viele Erfahrungen. Allerdings ist es ebenso wichtig, dass sie sich auch langweilen. Sie brauchen Zeit, um sich selbst etwas auszudenken, in ihre kindliche Fantasie abgleiten können und so lernen sich selbst zu beschäftigen. Dazu brauchen Kinder Zeit. Natürlich nicht den ganzen Tag. Aber genauso lange, wie Ihr Kind ein Spiel spielen kann, kann es auch mal Zeit „zur freien Entfaltung“ haben.

Wie wird Geduld im Sinne von Selbstregulation getestet?

Das ist ganz einfach: mit Süßigkeiten. Am besten mit welchen, die Ihre Kinder mögen. Hier ein kurzes Video zum sogenannten Marshmallow Test (auch wenn keine Marshmallows verwendet werden):

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Fazit

Bleiben Sie geduldig. Geben Sie Ihrem Kind Zeit und Raum. So wird es mit Ihrer Unterstützung Geduld lernen und aufkommende Gefühle selbst zu regulieren. Wichtige Eigenschaft für das soziale Miteinander im privaten, schulischen und später beruflichen Leben.

Geduld wird am besten durch ”learning by doing” geübt. Gerade bei Gesellschaftsspielen kann das ausgezeichnet geübt werden. Aber auch bei fast allen täglichen Situationen. Sie müssen mit Ihrem Kind nicht extra üben. Versuchen Sie, Ihr Kind mit den oben stehenden Tipps gut anzuleiten. So können Sie von früher Kindheit an üben, sich für kurze Zeit selbst eine Beschäftigung auszudenken.

In Normalfall halten Babys das nur sehr kurze Zeit aus. Sehen Sie zum Beispiel, dass sich Ihr Liebling mit einer Rassel oder Kuscheltuch beschäftigt und gerade schön vertieft ist, dann geben Sie ihm/Ihr die Zeit „allein“. Natürlich weitet sich diese Zeitspanne im Kleinkindalter immer weiter aus. Bis unsere Kinder im Volksschulalter auch schon ein bis zwei Stunden sehr gut alleine spielen können. Schließlich wollen sie im Jugendalter gar nichts mehr von uns Eltern wissen. Mehr zu Pubertät erfahren könne Sie übrigens hier nachlesen.

Das alles fördert und fordert Geduld. Es ist nicht nur alleine das Warten können, sondern auch sich selbst zurücknehmen können und Bedürfnisse aufschieben. Diese Bereiche greifen eng ineinander und machen schließlich das Konstrukt Geduld aus.

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