Soll man Kinder schreien lassen?

Wenn unsere Kinder schreien, weil sie unsere Hilfe benötigen, bricht das meist unser Elternherz. Aber sollen wir unsere Kinder schreien lassen, damit sie lernen, selbstständiger zu sein? Vom psychologischen Standpunkt aus kann ich nur davon abraten.

Wenn wir unsere Kinder schreien lassen:

  • Schürt das in ihnen Ängste,
  • belastet unsere Eltern-Kind-Bindung und
  • sie lernen genau das Gegenteil davon, was wir damit im Sinn haben.

Erfahren Sie in diesem Beitrag, was das mit unseren Kindern macht, warum es schlimme Folgen für Sie hat und warum es dennoch nicht nötig ist, immer auf der Stelle bereitzustehen und ihnen alles abzunehmen.

Was bedeutet schreien lassen?

Mit Kinder oder auch Babys schreien lassen, meint man, dass wir als Eltern nicht zu unserem Kind gehen, wenn es weint oder brüllt. Das kann tagsüber sein, beim Einschlafen oder auch nachts. Sein Kind schreien zu lassen, heißt, nicht darauf zu reagieren, wenn es weint oder verzweifelt nach uns schreit.

Das mag vielleicht eigenartig klingen, ist aber eine Technik, die immer wieder als „Tipp“ weitergegeben wird, damit Kinder lernen sich selbstständig zu beruhigen. Gleich vorab, so funktioniert das allerdings nicht. Auch, wenn es vielleicht früher immer so gemacht wurde. Es ist eine Verallgemeinerung früherer Generationen und wurde keineswegs bei jedem so gehandhabt.

Manche Menschen werfen dann anderen auch vor, das Kind sonst zu verweichlichen oder zu verwöhnen, wenn wir zu unserem Kind gehen, wenn es schreit. Dahinter steckt die absurde Angst, dass die Kinder sich nur mit Mama und Papa beruhigen können und es nie in ihrem Leben schaffen werden, ohne diese zu bestehen. Diese „Theorie“ geht allerdings davon aus, dass Kinder es durch das Alleinlassen, ganz von selbst lernen.

Was passiert, wenn man Kinder schreien lässt?

Egal, ob Baby, Kleinkind oder auch größere Kinder. Wenn Sie weinen und nach uns schreien, tun sie das meist, weil es ihnen nicht gut geht. Sie wollen dadurch unsere Aufmerksamkeit erregen, um von uns Hilfe oder Geborgenheit und Sicherheit zu bekommen. Das sind alles wesentliche Grundbedürfnisse für unsere Kinder.

Bedürfnispyramide
Bedürfnispyramide

Wenn wir unsere Kinder ignorieren und sie einfach schreien lassen, ohne irgendwann darauf zu reagieren, lernen sie, dass sie sich nicht auf uns verlassen und von uns keine Unterstützung erwarten können. Das wirkt sich natürlich sehr negativ auf das Urvertrauen unserer Kinder aus und in weiterer Folge auf unsere Bindung und auch auf den Selbstwert unserer Kinder.

Urvertrauen
Unter Urvertrauen versteht man in der Psychologie jene innere emotionale Sicherheit, die ein Kind in den ersten Lebensmonaten entwickelt, das heißt, das Kind entwickelt das positive Grundgefühl, dass es Menschen vertrauen kann, dass diese ihm wohlgesonnen und verlässlich sind. Das Urvertrauen entsteht also im Wesentlichen aus der positiven Erfahrung, dass zwischen der Welt und den persönlichen Bedürfnissen Übereinstimmung herrscht.

Quelle: Stangl, W. (2022, 22. Juli). Urvertrauen. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

Was passiert, wenn man Babys schreien lässt?

Bei Babys geht es konkret um das Ausbilden des eben erwähnten Urvertrauens (siehe oben). Babys können sich noch nicht anders ausdrücken, als zu schreien oder zu weinen. Sie sind beinahe rund um die Uhr auf unsere Hilfe angewiesen. Das ist so ziemlich für alle Eltern sehr fordernd und anstrengend. Wenn wir unser Baby allerdings schreien lassen, ist die Ursache des Problems nicht gelöst. Es schreit, weil es ein Grundbedürfnis hat, das gerade zu kurz kommt. Das kann sein: Hunger, Durst, Müdigkeit, aber auch Schmerzen, Unsicherheit oder Angst.

Wahrscheinlich hört ein Baby irgendwann auf zu schreien, aber nicht, weil es dann gelernt hat, sich selbst zu beruhigen oder sich selbst das Bedürfnis zu erfüllen. Nein, einfach, weil es erschöpft ist und keine Kraft mehr hat. Und das ist zweifellos etwas, was wir Eltern für unsere Kinder nicht wollen.

Unsere Kinder lernen erst ab ungefähr zwei Jahren, sich zu beruhigen und die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Und das auch nicht über Nacht, sondern über die nächsten vier bis fünf Jahre. Vor allem durch Beobachten, wie wir es machen und durch Unterstützung, in dem wir ihnen erklären, wie sich welches Gefühl anfühlt und was sie machen können, um es auszuleben.

Fun fact
Übrigens glauben Kinder bis zum Alter von ungefähr zwei Jahren, dass wir nicht mehr existieren, wenn wir nicht zu sehen sind. Ja, das mag drastisch klingen. Aber in der Entwicklungspsychologie nennen wir das Objektkonstanz. Also die Fähigkeit und das Wissen, dass Personen und Objekte auch noch da sind, wenn wir sie nicht sehen. Und diese entwickelt sich rund um den zweiten Geburtstag.

Soll man ein Kind beim Einschlafen oder nachts schreien lassen?

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Kinder schreien zu lassen, ist ein häufiger Gedanke, wenn es um das Einschlafen geht. Bei Babys ebenso wie bei Kleinkindern. Das heißt, viele Eltern spielen mit dem Gedanken, ihr Kind einfach schreien und rufen zu lassen, bis es eingeschlafen ist.

Am Abend sind unsere Kräfte meist schon recht aufgebraucht. Wir sind müde und haben weniger Geduld. Ich glaube, die meisten Eltern wünschen sich ein schnelles und reibungsloses Schlafen gehen der Kinder. Nur ist leider besonders in der Elternschaft nicht alles planbar. Und die Kleinen machen uns da gerne einen Strich durch die Rechnung. Sie weinen oder schreien, damit wir zu ihnen kommen. Das ist natürlich anstrengend, aber dennoch nicht umgehbar.

Ist ihr Kind aus irgendeinem Grund aufgebracht und findet selbst nicht in den Schlaf, braucht es Ihre Unterstützung. Das kann durch Einschlafbegleitung, durch Abendrituale oder durch Einschlafhilfen sein. Jedes Kind ist da unterschiedlich und Sie sollten ausprobieren, welche für Ihr Kind und Sie passen. Im Beitrag: „Wie bringt man übermüdete Kinder zum Schlafen“ finden Sie einige Tipps, die Sie auch in diesem Fall anwenden können.

Für Babys kann ich an dieser Stelle übrigens den MyHummy (Werbung) als Einschlafhilfe empfehlen. Dieser hat verschiedene Geräusche, die beruhigend wirken, und beruhigt Babys und Kleinkinder beim Einschlafen und auch nachts.

Bei Kindern hilft auch eine Beschwerungsdecke (Werbung), die unseren Kindern durch etwas mehr Gewicht hilft, sich begrenzt und sicher zu fühlen. Die Decke sollte aber keinesfalls mehr als maximal 10 % des Körpergewichts haben und bei Babys nicht angewandt werden.

Manchmal tut es natürlich auch ein Kuscheltier. 😉

Wie lange darf man ein Kind schreien lassen?

Eine Frage, die viele Eltern in diesem Zusammenhang beschäftigt ist, ob man sofort zum Kind laufen muss oder ob es eine gewisse Zeit gibt, die Kinder auch mal schreien können?

Natürlich ist es praktisch eigentlich gar nicht möglich, sofort bei unseren Kindern zu sein. Und es ist auch nicht unbedingt notwendig. Unsere Kinder halten auch eine gewisse Zeit ohne uns aus und können das Schreien und Warten aushalten. Wie lange das ist, hängt aber natürlich vom Alter unseres Kindes ab.

Schreien lassen
Je jünger das Kind, desto schneller sollten wir für es da sein.

Bei Babys liegt die Zeit bei ein bis zwei Minuten, maximal. Kindergartenkinder können das schon ein paar Minuten mehr warten. Aber länger als fünf bis acht Minuten ist auch nicht anzuraten.

Natürlich hängt es auch vom Grund des Schreiens ab. Langeweile kann auch dazu führen, dass unsere Kinder schreien. Kinder dürfen allerdings Langeweile haben, das tut ihnen sogar gut. Wenn sie schreien, heißt das nur, sie brauchen etwas Unterstützung dabei und nicht, sie müssen dauerbespaßt werden. Ein Spielzeug zeigen oder etwas Interessantes geben, kann in diesem Fall auch helfen und trainiert unser Kind vielfältig. Genauere Infos und Anregungen finden Sie im Beitrag. „Was tun gegen Langeweile“.

Dasselbe gilt auch für das Lösen von Herausforderungen und Problemen. Wenn unsere Kinder schreien, weil sie Unterstützung benötigen, ist es wichtig, ihnen diese zu geben. Aber Unterstützen, heißt auch in diesem Fall nicht für sie machen. Sondern ihnen dabei helfen, es selbst zu tun. Mehr dazu im Beitrag: „Wie kann ich mein Kind stärken?“

So war das bei uns

Das klassische nach-Mama-schreien gab es bei uns hauptsächlich beim Einschlafen. Als Baby hatte ich die Kids immer im Beistellbett neben mir. Mit ungefähr acht Monaten habe ich sie dann ans eigene Zimmer gewöhnt. Von Beginn an haben wir hier auf Einschlafrituale geachtet. Die ersten Monate sind wir immer bis zum Einschlafen dabei geblieben. Mit etwas über einem Jahr haben wir dann begonnen, immer früher aus dem Zimmer zu gehen. Also zuerst kurz vor dem Tiefschlaf und schließlich einfach nach allen Schlafenkelritualen.

Mittlerweile gibt es klare Regeln zum Schlafen gehen und nach uns rufen. Wir gehen zweimal noch zu den Kindern, ab dann allerdings nicht mehr. Wir achten dann darauf, dass alle Bedingungen erfüllt sind, damit sie schlafen können. Bei Bedarf erklären wir es nochmals und versuchen auch klarzustellen, warum es wichtig ist zu schlafen und was wir noch erledigen müssen. So wissen, sie, wovon eventuelle Geräusche im Haus kommen. Das wirkt beruhigend. Unsere Kinder sind mittlerweile alt genug, dass das funktioniert, meistens zumindest.

Ihr psychologischer Ratgeber in Familien- und Beziehungssachen.
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